Gentrifikation – eine kurze Definition

Das Phänomen bzw. der Prozess der Gentrifikation im Zuge der zunehmenden Reurbanisierung geriet in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den öffentliche Fokus und verursachte polarisierende Diskussionen. In der folgenden Erörterung wird unter dem Begriff der Gentrifikation ein stadtteilbezogener baulicher und sozialer Aufwertungs- bzw. Umwandelungsprozess verstanden, der die Verdrängung unterer Einkommensschichten durch den Zuzug wohlhabenderer Schichten impliziert und zu einer Qualitätsverbesserung im Gebäudebestand und der technischen sowie sozialen Infrastruktur führt [vgl. Caulfield 1994, S. 125 & Johnston 1994, S. 216]. Hierbei wird der Gentrifikationsprozess in Form und Ausprägung stark durch kulturelle, ökonomische, globale und lokale Faktoren beeinflusst [vgl. Helbrecht 1996, S. 1].

Erste Erklärungsansätze für den Prozess der Veränderungen in den Innenstädten bieten die Phasen- bzw. Stadienmodelle, welche aus den Entwicklungsintervallen die im Verlauf der sozialen und baulichen Aufwertung zu beobachten sind, abgeleitet wurden. Anhand der chronologischen Abfolge des Einzuges und verschiedener kultureller Faktoren, wurde eine Charakterisierung der “NeubewoherInnen“ vorgenommen. Aus dieser Klassifizierung hat sich die Gruppe der Pioniere, welche vornehmlich aus Studenten bestehen und der Yuppies (Young Urban Professionals) oder auch Gentrifier, welche vornehmlich als Singles oder Doppelverdienerhaushalten und als neue Mittelschicht bezeichnet werden, herauskristallisiert [vgl. Caulfield 1989 & Häußermann/Siebel 1987]. Folgende drei Entwicklungsphasen lassen sich bei einem Gentrifizierungsprozess beobachten, wobei die Phasen in Intensität und Abfolge variieren können:

  1. Zuzug von Studenten, Künstlern und Unterteilen der Mittelschicht, mit einem alternativen Lebensstil und einem hohen Maß an kulturellem Kapital, welche von den niedrigen Mieten und den lokalen Besonderheiten angezogen werden. Hierbei sind vereinzelt erste Investitionen in Gebäude zu beobachten.
  2. Durch die zunehmende Popularität bzw. den Imagegewinn folgt der Einzug der neuen Mittelschicht, welche sich mit ihrem ökonomischen Kapital in das Viertel einkauft. Hierbei ist nicht nur der Prozess der Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen zu beobachten, sonder auch zunehmende Sanierungs-, Modernisierung und Umbaumaßnahmen, sowie eine Inwertsetzung der Umgebung. Des Weiteren ist eine Zunahme von spezifischer und hochpreisiger Infrastruktur zu beobachten.
  3. Der letzte Schritt eines vollendeten Gentrifizierungsprozesses ist die kommerzielle Gentrifizierung in welcher große Teile des Gebietes in ein Elitewohngebiet umgewandelt wurden und weitesgehend die “Altbewohner“ sowie die Pioniere[1] verdrängt wurden [vlg. Caulfield 1994, S. 125f].

Ein Defizit dieser idealtypisierenden Erklärung ist die einseitige Betrachtung der Nachfrageseite. Ergänzend hierzu muss die Angebotsseite mit den Eigentümern, Investoren und dem Staat bzw. der Kommune mit beachtet werden und deren Interaktionen untereinander[2]. Eigentümer und Investoren investieren im allgemeinen nur wenn sie Potenziale bzw. Gewinnmöglichkeiten sehen. Die sogenannten rent [3] bzw. value gaps[4] werden von den Akteuren erkannt und führen zu Aufwertungsprozessen, initiiert durch die Angebotsseite  [vgl. Hilbrecht (1996), S. 7f]. Bezogen auf Deutschland steht der Staat bzw. die Städte zwischen den Eigentümern bzw. Investoren und den Bewohnern. Auf der einen Seite wirkt sich der Gentrifikationsprozess positv auf vereinzelte Stadtteile aus, auf der anderen Seite entspricht ein Verdrängungsprozess nicht den Zielen einer ausgeglichenen Sozialpolitik.

 


[1]     Anzumerken ist hierbei, dass Angehörige der Gruppe der Pioniere im Laufe des Gentrifizierungsprozesses in die Gruppe der     Yuppies bzw. Gentrifier durch die Veränderungen in Lebensumständen wechseln können und somit zwar die Gruppe der Pioniere verdrängt wird, jedoch nicht die eigentlichen Bewohner.

[2]     Vergleiche die Regime-Theorie.

[3]     Vergleiche die Rent Gap Theorie von Smith.

[4]     Vergleiche die Value Gap Theorie von Hamnett & Rudolph.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.